Mittwoch, 14. Februar 2018

Buch-Zitat des Tages

aus: "Ich bin das Mädchen aus Aleppo" von Bana Alabed (S. 140)
 
>>>
 
Es ist wie damals, als ich ein paar Teile von meinem Lieblingspuzzle verloren hatte. Es gab keinen Ersatz, und darum konnte ich es nicht mehr zusammensetzen. Mir blieb nichts anderes übrig, als es wegzuwerfen und mir ein neues Puzzle zu besorgen, aber ein neues Syrien kriegen wir nicht.
 
Wir hatten das Gefühl, dass wir niemals aus Aleppo rauskommen würden und dazu verurteilt waren zu warten, bis eine Bombe uns treffen und wir alle umkommen würden.  
 
                                                                                                                                                          <<<

Sonntag, 4. Februar 2018

Rezension: "Osiris - Das versunkene Geheimnis Ägyptens" von Franck Goddio & David Fabre

Daten zum Buch:
erschienen am: 17. Januar 2017
Verlag: Prestel
ISBN: 9783791355962
249 Seiten
Preis: 29,95 € (HC)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:
Tauchen Sie ein in die Tiefen der ägyptischen Zivilisation und ihrer Riten! Mit über 200 Abbildungen - darunter vielen bislang unveröffentlichten Unterwasseraufnahmen der Ausgrabungen des Institut Européen d'Archéologie Sous-Marine (IEASM) und der dabei gefundenen Artefakte - versetzt Sie dieser Band zurück ins alte Ägypten und bringt Ihnen die religiösen Zeremonien des gestorbenen und wiederbelebten Gottes Osiris nahe. Enthüllt werden die Geheimnisse der Osiris-Mysterien von Thonis-Herakleion und Kanopus und die Ritaule, die durch die Wiedergeburt des Gottes den immer wiederkehrenden Reigen der Jahreszeiten, den Wohlstand und die Einheit des Landes sowie die kontinuierliche dynastische Nachfolge der Pharaonen sichern sollten.

Der Band begleitet die aufsehenerregende Ausstellung im Rietberg Museum Zürck und erlaubt es dem Leser, sich mit bislang kaum bekannten, faszinierenden Riten des alten Ägypten zu befassen.
(Klappentext) 

Meine Meinung:
Vom 10.02.2016 bis 13.08.2017 zeigte das Museum Rietberg in Zürich die erfolgreiche Ausstellung "Osiris - Das versunkene Geheimnis Ägyptens". Die meisten der gezeigten Artefakte stammten aus Ausgrabungen des Europäischen Instituts für Unterwasserarchäologie (IEASM) unter Leitung des bekannten Unterwasserarchäologen Franck Goddio. Das hier vorliegende Buch ist der begleitende Ausstellungskatalog.

Goddios Team entdeckte während seiner Unterwassergrabungen in der Bucht von Abukir die antiken, im 8. Jahrhundert n. Chr. versunkenen Städte Thonis-Herakleion und Kanopus. In diesen Städten spielte der Kult um den altägyptischen Gott Osiris eine große Rolle, und so beschäftigt sich der Begleitband eindrücklich mit dem 4000 Jahre alten Osiris-Mythos, den Ausgrabungsstätten sowie den Osiris-Prozessionen.

Ich selbst habe leider diese Ausstellung nicht besuchen können. Da ich studierte Ägyptologin bin, interessierte mich dieses Buch natürlich sehr, da ich mir die Ausstellung wenigstens so doch noch indirekt anschauen konnte.

Positiv hervorheben möchte ich gleich zu Beginn das wunderschöne Layout. Der Katalog ist durchgehend reich bebildert mit Aufnahmen der Objekte und Fotos von den Unterwassergrabungen. Einige der Bilder erstrecken sich sogar über drei (aufklappbare) Seiten. Das Buch macht wirklich einen sehr hochwertigen Eindruck.

Der Textteil ist in unterschiedliche Kapitel eingeteilt, die sich mit verschiedenen Aspekten des Osiris-Mythos' beschäftigen. Diese sind von drei verschiedenen Wissenschaftlern (Jocelyne Berlandini-Keller, Anne-Sophie von Bomhard, Sydney Hervé Aufrère) verfasst. Und hier setzt auch meine Kritik an. Natürlich kaufen sich dieses Buch Menschen, die sich für Archäologie und das alte Ägypten besonders interessieren. Und vermutlich sind viele dieser Leute recht gebildet und haben vielleicht auch schon einige Vorkenntnisse in diesem Bereich. Allerdings fand ich die Texte viel zu trocken und wissenschaftlich und eher weniger geeignet für "die breite Masse". Selbst ich als "Fachfrau" fand die Texte größtenteils ziemlich dröge. Ich finde, man muss Wissenschaft nicht immer trocken rüberbringen.

Hinzu kommen zahlreiche Zitate aus antiken Inschriften, die scheinbar recht willkürlich zwischen oder neben die Texte gesetzt wurden, was den Lesefluss stört und das Layout etwas unruhig wirken lässt. Ich wusste manchmal gar nicht, was ich zuerst lesen soll.

Positiv hervorzuheben ist die ausführliche Bibliographie im Anhang. Auch dass die Fußnoten direkt auf der Seite des Textes sind, gefällt mir gut. Und es ist löblich, dass einige Fachbegriffe auch in einer Randnotiz kurz erklärt werden, allerdings gibt es so viele Fachbegriffe, die wiederum nicht erklärt werden, dass man stattdessen entweder ein ausführliches Glossar hätte beifügen oder es alternativ direkt hätte lassen können.

Trotz dieser Kritikpunkte ist dieser Katalog jedoch wirklich ein sehr schönes, hochwertiges Buch, das ich jedem ans Herz legen kann, der sich für das alte Ägypten und den Gott Osiris interessiert.

4 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an das Bloggerportal von Randomhouse für dieses Rezensionsexemplar!

Sonntag, 21. Januar 2018

Buch-Zitat des Tages

aus: "Schneeflockenwünsche" von Nicole Beisel (S. 75f.)
 
>>>
 
Es spielte keine Rolle, wo sie war, was sie tat oder mit wem sie sich unterhielt. Mit ihren Gedanken war sie ständig bei Sam Miller. Noch immer sah sie sein Gesicht klar vor sich. Seine tiefblauen Augen, die tatsächlich so tiefblau waren wie auf dem Bild, das im Internet zu sehen war, ließen sie nicht mehr los; weder bei Tag noch in der Nacht. Dieser Mann verfolgte sie in ihren Träumen, nur damit sie ihn wiederum verfolgte.

In ihren nächtlichen Fantasien lief sie ihm mit ausgestreckter Hand hinterher, doch sie bekam ihn nie zu fassen. Immer wieder drehte er sich um und lächelte sie an, doch dann schaute er wieder nach vorne und lief einfach weiter, ohne auch nur ein einziges Mal anzuhalten. Völlig außer Atem blieb Amy im Traum stehen und ließ ihn ziehen, bis er ganz verschwand.

Sie wusste, was diese Träume zu bedeuten hatten. Sie lief einem Idol hinterher; einem Menschen, der nicht für sie bestimmt war. Einem Mann, der zwar sehr nett zu ihr war, aber dennoch einen gewissen Abstand zu ihr hielt, wie es für berühmte Personen eben üblich war. Sie ärgerte sich darüber, dass sie tatsächlich in eine dumme Schwärmerei verfallen war. Als Jugendliche waren diese tollen Gefühle ja noch schön gewesen, doch nun, da sie nicht mehr ganz so jung war und die Sehnsucht nach einem richtigen Partner an ihrer Seite stetig wuchs, fand sie die Last der rosaroten Brille nicht mehr so lustig. Amy blieb nur die Hoffnung, dass sie die nächsten Treffen mit diesem Autor gut über die Bühne brachte und ihn nach Weihnachten schnellstmöglich wieder vergaß. Und sie war sich sicher, dass ihr das gelingen würde. Es müsste nur genügend Zeit vergehen, und zwar zügig. 
 
                                                                                                                                                           <<<

Sonntag, 14. Januar 2018

Neuzugänge

Hoppala, schon wieder zwei Monate lang keine Neuzugänge gepostet. Dann wird's ja mal wieder Zeit!

Rezensionsexemplare


- Ulrike Busch, "Tod am Deich" (von der Autorin erhalten - signiert!)
- Angela Kirchner, "Viel näher als zu nah" (Leserunde auf LovelyBooks - signiert!) 
- Ulrike Busch, "Mordskuss" (von der Autorin erhalten - signiert!)


Gewonnen


- Nicole Beisel, "Schneeflockenwünsche" (Weihnachtsgewinnspiel auf "Miss Lila liest") 


Geschenkt bekommen


- Mila Summers & Ralf Wolfstädter, "Alpakas auf Durchreise" 
- Thorsten Benkel & Matthias Meitzler, "Gestatten Sie, dass ich liegen bleibe. Ungewöhnliche Grabsteine - Eine Reise über die Friedhöfe von heute"


Ersteigert bei "Aktion Weihnachtsengel 2017"


- Mila Summers, "Vielleicht klappt es ja morgen... Liebe in Würzburg"
- Hermien Stellmacher, "Katzenglück und Dolce Vita" (signiert!)


Gekauft


- Brodi Ashton, "Ewiglich dein" (für 1,00 € im 1-Euro-Shop)
- Beth Revis, "Godspeed 1 + 2" (für je 1,00 € im 1-Euro-Shop)
- Sven Amtsberg, "Die Wahrheit über Deutschland. Städtetouren für Besserwisser" (für 1,00 € im 1-Euro-Shop)
- Bildwörterbuch Arabisch (3,99 €)

- Percy Jackson - komplette Reihe (Sonderausgaben für je 10,00 €)
- Helden des Olymp - komplette Reihe (Sonderausgaben für je 10,00 €)


Ertauscht


- Alina Bronsky, "Baba Dunjas letzte Liebe" (aus dem Tauschregal)
- Hanna Dietz, "Männerkrankheiten" (aus dem Tauschregal)
- J.K. Rowling, "Was wichtig ist" (Tauschticket, 2 Tickets)
- Dr. Vivien Suchert, "Sitzen ist fürn Arsch" (TT, 2 Tickets)

Sonntag, 7. Januar 2018

Rezension: "Nur wenn du allein kommst - Eine Reporterin hinter den Fronten des Dschihad" von Souad Mekhennet

Daten zum Buch:
erschienen am: 25. Oktober 2017
Verlag: C.H. Beck
ISBN: 9783406711671
384 Seiten
Preis: 24,95 € (HC)
Hier geht's zur Verlagsseite!

Zum Inhalt:
Was passiert hinter den Fronten des Dschihad? Wie ticken Warlords und jugendliche Attentäter? Spannend wie in einem Krimi berichtet Souad Mekhennet von ihren teils lebensgefährlichen Recherchen in den No-Go-Areas des Terrors, allein, ohne Handy, bekleidet mit einer schwarzen Abaya. Denn die Dschihadisten werden wir erst dann verstehen, wenn wir ihre Geschichten kennen.
(Klappentext)

Meine Meinung:
Souad Mekhennet wurde 1978 als Kind türkisch-marokkanischer Eltern in Frankfurt/Main geboren und wuchs in den ersten Jahren bei ihrer Großmutter in Marokko auf, um im Sinne des Islam erzogen zu werden. Mit drei Jahren kehrte sie nach Deutschland zu ihren Eltern und Geschwistern zurück. Sie ist Journalistin und Autorin und beschäftigt sich seit dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 intensiv mit dem islamistischen Terror.

Im vorliegenden Buch erzählt sie zuerst ihre eigene Geschichte und die ihrer Eltern, einem schiitisch-sunnitischen Paar, das sich fernab der Heimat in Deutschland als Gastarbeiter kennen- und lieben gelernt hatte. Es folgen Berichte aus Mekhennets journalistischer Tätigkeit im Ausland von 2003 bis heute. Sie fuhr unter Anderem in den Irak und Libanon, nach Algerien, Jordanien, Pakistan, Ägypten, Tunesien und Bahrain, um dort vor Ort zu recherchieren und sich mit Tätern und Opfern des Terrorismus zu treffen. Sie wagt sich viele Male in das Herz von Terrorgruppen wie Al-Quaida, Taliban oder IS(IS), redet mit den selbsternannten "Gotteskriegern", um auch beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Sie möchte Mittlerin sein zwischen der arabischen und der westlichen Welt.

Ihre Erlebnisse schildert sie eindrücklich und sehr detailliert. Viele der Treffen mit ihren Interviewpartnern sind nur möglich, weil Mekhennet selbst Muslimin ist, weil sie sich auf die arabische Gastfreundschaft und auf die Abstammung ihrer Familie mütterlicherseits vom Propheten Mohammed beruft. Oft hört sie Sätze wie "Wären Sie eine Deutsche/Amerikanerin, würden wir Sie entführen/töten." Als gebildeter Araberin jedoch wird sie meist mit Respekt behandelt, es werden ihr sogar einige Vertraulichkeiten entgegengebracht. So benennt z. B. ein Taliban-Kommandeur seine neugeborene Tochter nach der Journalistin. Doch kommt sie auch in viele bedrohliche Situationen und muss um ihr Leben und das ihrer Kollegen fürchten.

Ich habe viele Wochen für dieses Buch gebraucht, und wenn ich ehrlich bin, wich meine anfängliche Neugier nach einiger Zeit einer gewissen Ermüdung beim Lesen. Zu viele Namen, Daten, Gruppierungen - ich habe ehrlich gesagt oft gar nicht richtig durchgeblickt, wer jetzt wer ist und wo gerade wer gegen wen kämpft, wer welche Rolle wobei spielt. Manchmal hätte ich mir irgendwelche Übersichten in Form von Tabellen oder Karten (bezüglich der erwähnten Gebiete) oder zumindest ein Glossar gewünscht.

Zu den detaillierten Ausführungen kommen noch viele Fußnoten dazu. Ich bin ja ein Fan davon, Fußnoten, die nicht nur Literaturquellen, sondern auch Erläuterungen beinhalten, in der Fußzeile der jeweiligen Seite zu drucken und nicht in einem Anhang am Ende des Buches. Leider ist hier letzteres der Fall, und da die Autorin öfter in ihren Fußnoten Dinge erläutert und erklärt, war es ein nerviges Hin- und Herblättern, das meinen Lesefluss doch sehr beeinträchtigte.

Ich kann gar nicht sagen, ob ich die Autorin sympathisch finde oder nicht. Man erfährt zwar in den ersten Kapiteln vieles aus ihrem Leben, aber ich konnte keine Beziehung zu ihr aufbauen. Dies ist aber nicht nötig, um auf jeden Fall sagen zu können, dass sie eine kluge und mutige Frau ist, die sich ständig in die Höhle des Löwen begibt, um die Welt über den Terrorismus aufzuklären, und allein dafür muss man sie bewundern. Selbst in brenzligen Situationen behält sie einen kühlen Kopf.

Man merkt ganz stark, dass sich die Autorin als Araberin fühlt, dass ihr Herz in der arabischen Welt und im muslimischen Glauben verankert ist. So ist es für sie selbstverständlich, dass ihr zukünftiger Mann von arabischer Herkunft sein muss. Eine andere Möglichkeit zieht sie, die weltoffene und intellektuelle Frau, scheinbar gar nicht erst in Betracht.

Befremdlich fand ich auch ihre Schlussfolgerung, als sie erfährt, dass sie durch ihre zahlreichen engen Kontakte zu Terroristen vom US-Geheimdienst beobachtet wird. Sie konstatiert, dass dieser wohl kein Problem damit hätte, wenn sie ins Kreuzfeuer und in Lebensgefahr geriete. Denn ihr amerikanischer Kollege wurde vorher durch eine fingierte Morddrohung genötigt abzureisen, um ihn in Sicherheit zu bringen, während man abwartete, ob die Autorin ein Treffen mit einem hochrangigen Terroristen, an dem der Geheimdienst herankommen will, trotzdem durchführen würde. (Was sie zum Glück nicht tat.) Sie kommt zu dem Schluss, dass dem Westen ein muslimisches Leben (also ihres) weniger bzw. nichts wert sei, wie es ja auch die Terroristen immer propagieren. Jedoch stellt es sich für mich so dar, dass ihr amerikanischer Kollege nichtmal Arabisch spricht und Mekhennet die Interviews selbst organisiert und leitet, während ihr Kollege - auch nicht immer, falls die Interviewpartner nicht für seine Sicherheit garantieren wollen, weil er Amerikaner ist - sie nur unterstützend begleitet und dann später mit ihr die Artikel aufbereitet und veröffentlicht. Dass er da weniger in Verdacht steht als sie, ist eigentlich logisch.

Die Autorin hat viel erlebt und viel zu erzählen, und ihre Berichte sind gleichermaßen spannend und schockierend. Sie versucht, sich eine gewisse Objektivität zu erhalten, was meist, aber nicht immer gelingt. Aber sie ist eben auch nur ein Mensch. Es ist sowieso bewundernswert, dass sie nach all diesen Erlebnissen noch immer mit der gleichen Unterschütterlichkeit ihrer Arbeit nachgeht und sich nicht abbringen lässt, auch weiterhin in Kriegsgebiete zu fahren und dort mit gefährlichen Funktionären zu reden. Denn es ist wahrscheinlich, dass sie sich mit ihrer Arbeit auch einige Feinde macht.

Emotional ist nochmal der Epilog, in dem man erfährt, dass beim Amoklauf in München 2016, als ein junger Deutsch-Iraner im Olympiazentrum gezielt mehrere Menschen mit Migrationshintergrund tötete, auch der 14jährige Cousin der Autorin sowie sein bester Freund starben. Und so schließt das Buch mit den berührenden und weisen Worten: "Wenn ich eins gelernt habe, dann dies: Die Schreie einer Mutter, die ihr getötetes Kind beweint, klingen immer gleich, egal ob sie nun schwarz, braun oder weiß, Muslimin, Jüdin, Christin, Schiitin oder Sunnitin ist. Wir werden alle in derselben Erde begraben."

4 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an den C.H. Beck-Verlag für dieses Rezensionsexemplar!

Mittwoch, 3. Januar 2018

Rezension: "Viel näher als zu nah" von Angela Kirchner

Daten zum Buch:
erschienen am: 25. September 2017
Verlag: Dressler
ISBN: 9783791500577
256 Seiten
Preis: 16,99 € (HC)
Hier geht's zur Verlagsseite!
Hier geht's zur Autorenseite!

Zum Inhalt:
Lucas ist cool, beliebt, flirtet gerne und lässt keine Party aus. Zusammen mit seinem besten Freund Ben cruist er am liebsten auf seinem Motorrad durch die Stadt.

Auf einer Feier lernt er zufällig Fey mit den pinken Haaren kennen. Obwohl die beiden auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, finden sie sich auf Anhieb sympathisch. Leider verlieren sie sich direkt wieder aus den Augen.

Und dann hat Lucas eine ganz dumme Idee, die zu einem furchtbaren Unfall führt. Nicht nur er wird schwer verletzt, sondern zwei weitere Personen müssen unter den Folgen leiden. Und eine davon ist Fey.

Meine Meinung:
Die Geschichte ist aus Lucas‘ und Feys Sicht geschrieben. Der Perspektivenwechsel wird durch zwei verschiedene Schriftarten deutlich gemacht, wodurch Verwechslungen vermieden werden. Lucas‘ Sicht ist hier jedoch eindeutig dominierend. Dies war zwar manchmal etwas schade, aber letztendlich finde ich, dass es gut so ist. Der Fokus liegt hier eben auf Lucas, der eine ganz starke Wandlung erfährt und sich von einem eingebildeten, sich selbst unwiderstehlich findenden Typen zu einem sympathischen, nachdenklichen und feinfühligen jungen Mann entwickelt. Zwar entwickelt sich Fey auch weiter, aber nicht in dem Maße wie Lucas. Während ich Lucas anfänglich sehr unsympathisch fand und erst nach und nach begann, ihn zu mögen, hinterlässt Fey direkt zu Beginn einen positiven Eindruck.
 
Neben den beiden Protagonisten spielt noch Lucas’ bester Freund Ben eine wichtige Rolle, der ebenfalls in den Unfall verwickelt war und mit seinen Schuldgefühlen ganz anders umgeht als Lucas, der im Gegensatz zu Ben auch körperlich stets an sein Fehlverhalten erinnert wird. Die Freundschaft zwischen Lucas und Ben empfand ich als etwas Besonderes. Heutzutage bezeichnet man sowas wohl als echte „Bromance“. Nach außen hin die coolen Typen, die auf keiner Party fehlen dürfen, ist ihre Beziehung zueinander jedoch echt und tiefgehend, was bei Jungs in diesem Alter nicht selbstverständlich ist.

Der flüssige Schreibstil ist angenehm zu lesen, und ich bin förmlich durch die Seiten geflogen. Angela Kirchner schreibt anspruchsvoll, aber dennoch jugendgerecht. Ihre Schreibweise ist gefühlvoll, sie drückt vieles mit Bildern aus. Sehr gut dargestellt werden die Emotionen der Figuren. Die Anziehungskraft zwischen Fey und Lucas, aber auch und vor allem die Schmerzen, die die beiden nach dem Unfall haben. Man schleppt sich förmlich mit den lädierten Protagonisten durch die Welt und fühlt die Beklemmung beim Lesen.

Es ist eigentlich ein eher leises Buch, das sich zum Großteil im Innenleben der Protagonisten abspielt, und so wirkt auch die Liebsgeschichte zwischen Fey und Lucas zart und fast schon unschuldig. Diese leisen Töne transportiert die Autorin sehr gut.

Ein paar Kritikpunkte hätte ich dennoch:

Mir waren es nach dem Unfall zu viele zufällige Begegnungen zwischen Lucas und Fey. Ok, sie wohnen in der gleichen Stadt und sind ungefähr gleich alt. Da kann man sich schon öfter über den Weg laufen. Aber wenn sie sich jetzt erst kennengelernt haben, ist es komisch, dass sie danach plötzlich überall gleichzeitig sind. Auf Veranstaltungen, in der Physiopraxis, auf dem Friedhof. Natürlich muss man Möglichkeiten für Begegnungen schaffen, es war auch nicht total unrealistisch, aber halt ein bisschen zu konstruiert.

Des Weiteren hätte ich gerne mehr über Jennifer, Feys beste Freundin und das Unfallopfer mit den schwersten Verletzungen, erfahren. Sie taucht erst am Ende des Buches kurz auf und hat dann einen Auftritt, als wäre sie eine Heilige ohne irgendwelche Makel. Ich denke aber, sie hätte mehr „leisten“ können für die Geschichte und wäre ein bereichender Charakter gewesen. Andererseits kann ich auch nachvollziehen, dass die Autorin den Fokus ganz bewusst auf Lucas und Fey gelegt hat und nicht alle Figuren gleichermaßen tief gezeichnet wurden. Trotzdem schade.

Der Konflikt, dass Fey Lucas total anziehend findet, aber ihn eigentlich hassen sollte, hätte für meinen Geschmack stärker ausfallen dürfen. Trotz des ewigen Hin und Her zwischen den beiden war das Ende natürlich relativ vorhersehbar, wie bei den meisten Liebesgeschichten. Das letzte Gespräch zwischen den Protagonisten empfand ich als viel zu schmalzig. Aber bei diesem Kritikpunkt darf man natürlich der Autorin zu Gute halten, dass das Buch in erster Linie Jugendliche ansprechen soll und ich mit 36 nicht mehr zur eigentlichen Zielgruppe gehöre.

Doch trotz dieser Kritikpunkte hat mir die Lektüre dieses Romans viel Freude bereitet, und so ist Angela Kirchners Debütroman „Über den Dächern wir zwei“ schonmal direkt auf meine Leseliste gewandert. 

„Viel näher als zu nah“ ist ein empfehlenswerter Roman, nicht nur für junge Leser – und nicht nur für weibliche, wohlgemerkt, auch wenn das feminin wirkende Cover dies vielleicht vermuten lässt.  In diesem Buch steckt viel mehr drin als eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Menschen. Ich kann mir den Roman auch wunderbar als Schullektüre vorstellen, da hier ernste und wichtige Themen einfühlsam aufgearbeitet werden. Die Gefühle zwischen Lucas und Fey spielen zwar eine große Rolle, aber es gibt noch so viele andere Themen und Emotionen, die aufgearbeitet werden: Schuld, Verantwortung, Verzeihen, Freundschaft, Neuanfang. 

4 von 5 Schreiberpaletten

Vielen Dank an den Dressler-Verlag für dieses Rezensionsexemplar und an Angela Kirchner für die intensive Betreuung der Leserunde auf LovelyBooks!

Montag, 18. Dezember 2017

Buch-Zitat des Tages

aus: "Viel näher als zu  nah" von Angela Kirchner (S. 180f.)

>>> 

Ich zähle die Sekunden, bis Fey sich zu mir herumdreht. Dreizehn.

"Wow", sagt sie. Nichts weiter, nur "Wow", ehe sie zwei Schritte zurückweicht und eine Mauer um sich herum errichtet, die ich niemals werde einreißen können. Ich bin mir wirklich nicht sicher, was hier in den vergangenen zehn Minuten passiert ist, aber es fühlt sich an, als hätten wir irgendwann zwischen "Hi" und "Wow" nicht nur die Regeln, sondern das ganze Spiel gewechselt. Und ich habe es nicht mitbekommen und sitze vor meinen Würfeln wie ein Idiot.

"Ich... ich..." ... weiß nicht, was ich sagen soll.

Fey antwortet nicht und ihr Schweigen drückt mich zusammen.

Verdammter Dreck, wieso muss das ausgerechnet mit ihr alles so kompliziert sein? Das war es doch sonst nicht. Ich hatte bisher nie Probleme mit solchen Situationen - und vor allem nie das Gefühl, dass es in irgendeiner Weise wichtig wäre, wie ich mich verhalte. Es ist immer alles einfach gelaufen, ich konnte sein, wie ich will. Doch wenn Felicitas Lippkes schweigt, bekommt die Welt einen Kratzer, und ich will nicht mehr ich sein.

Ich presse die Lippen aufeinander und lasse den Kopf hängen.

"Fey", murmle ich und packe all die Worte, die in meiner Kehle feststecken, mit in ihren Namen. Aber sie hört keins davon.

"Nein, lass gut sein", erwidert sie. Das Eis in ihrer Stimme vertreibt die letzte Erinnerung an die Wärme ihrer Hände. Inzwischen sind die Kristalle in mir zu scharfen Splittern angewachsen.

                                                                                                                                                           <<<